Patientengeschichten

Victorias Geschichte

Ich heiße Victoria und ich bin sechs Jahre alt.

Wenn ich mit Menschen spreche, schaue ich oft zuerst auf den Boden. Manchmal halte ich meine Hand vor mein Gesicht. Nicht, weil es weh tut, sondern weil ich nicht möchte, dass man mich anschaut. Nach den Verbrennungen ist vieles anders geworden. Auf der linken Seite kann ich nicht mehr sehen. Teile meiner Nase und meines Ohrs fehlen, und mein Hals fühlt sich oft fest an. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein Gesicht, das ich nicht immer wiedererkenne. Dann schaue ich lieber weg.

Im Krankenhaus sind viele Erwachsene um mich herum. Sie sprechen ruhig, tragen Masken und erklären viel. Manchmal habe ich Angst, besonders vor den Operationen. Aber manchmal bin ich auch sehr mutig, sagen sie. Ich liege auf dem Bett und versuche, still zu sein. Alle sagen, mein Gesicht braucht Zeit. Nach einer der Operationen wache ich auf und alles fühlt sich schwer an. Jemand sagt mir, ich soll mein Auge öffnen. Nicht das linke, sondern das andere. Ich sehe Licht, Farben und Gesichter. Es ist nicht alles wie früher, aber ich sehe wieder.

Mit der Zeit verändert sich etwas. Die Spannung in meinem Hals lässt nach. Mein Gesicht fühlt sich freier an. Ich traue mich öfter, Menschen anzuschauen, wenn sie mit mir sprechen. Manchmal lächle ich sogar. Ich weiß, dass ich noch nicht fertig bin. Es werden weitere Behandlungen kommen. Aber ich bin wieder ein bisschen mehr ich. Und wenn ich heute in den Spiegel schaue, halte ich meine Hand nicht mehr sofort vor mein Gesicht. Ich schaue. Und manchmal bleibe ich dabei.

placet e.V. – Heilung. Hoffnung. Neubeginn.